MOMENTE
Es gibt diesen einen Abend am Bodensee, an den ich mich heute klarer erinnere als an viele Reisen ans andere Ende der Welt.
Wir saßen draußen auf einer Terrasse mit Blick von oben auf den Bodensee. Die Sonne ging langsam unter. Die Kinder spielten miteinander, die Erwachsenen unterhielten sich. Keine Handys auf dem Tisch. Niemand zog zwischendurch sein Telefon heraus, um schnell etwas nachzusehen. Niemand verschwand gedanklich wieder in irgendeinem Chat, in den E-Mails oder im nächsten Termin. Fehlendes Wissen wurde nicht schnell gegoogelt, wir ergänzten einander. Wir waren einfach da.
Und genau das hat mich nachdenklich gemacht.
Die Jagd nach Mehr
Denn eigentlich hatte ich in meinem Leben vieles von dem erlebt, wovon andere träumen. Tokio. Kapstadt. Los Angeles. Hawaii. London, Wien, Prag, ständig unterwegs. Flüge, Hotels, Senator Status, Lounges, Termine. Immer in Bewegung. Immer erreichbar. Immer wichtig.
Natürlich waren viele dieser Reisen beeindruckend. Ich möchte sie nicht kleinreden. Ich habe echte Schönheit gesehen. Andere Kulturen erlebt. Faszinierende Orte entdeckt. Früh morgens auf einem Fischmarkt in Tokio gestanden. Sonnenuntergänge betrachtet, von denen Menschen Bilder als Poster kaufen würden. Gute Gespräche geführt. Erfolgreiche Projekte umgesetzt.
Und trotzdem stelle ich mir heute eine unbequeme Frage:
War ich wirklich da?
Oft war mein Körper anwesend. Mein Kopf allerdings schon beim nächsten Termin. Beim nächsten Flug. Bei der nächsten Mail. Beim nächsten Ziel.
Höher, schneller, weiter.
Noch schnell den besten Sitzplatz buchen. Noch schnell den Status zum Jahresende verlängern. Noch schnell erreichbar bleiben, damit hinterher weniger Arbeit bei der Rückkehr wartet. Heute glaube ich, dass das oft nur die Erklärung war, die ich mir selbst gegeben habe.
Denn echtes Abschalten hätte bedeutet, wirklich still zu werden.
Die Identitätsfalle
Und vielleicht auch, mir selbst zu begegnen. Ohne diese eine Rolle und ohne alle anderen Rollen als Partner, Nachbar, Bekannter, Freund, Vereinsmitglied und so weiter.
Ich glaube heute, dass viele Menschen Arbeit, Verantwortung und ständige Bewegung auch deshalb so festhalten, weil sie ihnen Identität geben. Solange jemand gebraucht wird, Termine hat, erreichbar ist und funktioniert, entsteht das Gefühl von Bedeutung. Wer bin ich noch, wenn das plötzlich wegfällt? Wenn ich einfach nur da sitze? Ohne Aufgabe. Ohne Funktion. Ohne das Gefühl, wichtig zu sein?
Gerade wir Männer lernen früh, dass Leistung Anerkennung bringt. Verantwortung. Durchhalten. Funktionieren. Bloß keine Schwäche zeigen. Immer weiter.
„Das macht man so."
„Was sollen die anderen denken?"
„Ohne Fleiß kein Preis und ohne Anstrengung kann es doch nicht gut sein"
Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, wie sehr man sich selbst darüber definiert.
Mein wichtigster Coach
Ich habe viele Jahre geführt, Verantwortung getragen, Menschen entwickelt, Krisen begleitet und Entscheidungen getroffen. Ich dachte lange, Präsenz würde bedeuten, körperlich anwesend zu sein. Bis mir jemand gezeigt hat, was echte Präsenz wirklich ist.
Mein wichtigster Coach begleitet mich nun seit über zehn Jahren.
Mein Sohn.
Kinder beobachten uns anders als Erwachsene. Sie interessieren sich nicht für Titel, Vielfliegerstatus oder berufliche Erfolge. Sie merken etwas viel Einfacheres:
Bist du wirklich da?
Oder schaust du während des Gesprächs doch wieder aufs Handy? Hörst nur halb zu? Musst noch schnell etwas beantworten? Bist körperlich anwesend, aber gedanklich längst wieder unterwegs?
Kinder machen nicht das, was wir ihnen sagen. Sie machen das, was wir ihnen vorleben.
Walk the Talk
Dieser Satz hat für mich über die Jahre eine völlig neue Bedeutung bekommen.
Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, wie erfolgreich jemand wirkt. Sondern darum, wie bewusst jemand einen Moment erlebt. Wie aufmerksam jemand seinem Gegenüber begegnet. Wie oft wir Erlebnisse wirklich fühlen, statt sie nur noch zu dokumentieren.
Heute frage ich mich manchmal, wie viele Fotos wir machen, die wir später nie wieder anschauen. Wie viele Orte wir besuchen, ohne wirklich anzukommen. Wie viele Gespräche wir führen, während unsere Aufmerksamkeit längst woanders ist.
Der Abend am Bodensee
Der Abend am Bodensee war unspektakulär im Vergleich zu vielen anderen Momenten meines Lebens.
Und vielleicht gerade deshalb so besonders.
Keine Statussymbole. Keine Ablenkung. Keine Eile. Kein „noch schnell".
Nur Menschen, die gemeinsam einen Abend verbrachten.
Die Erinnerung daran ist bis heute präsenter als manche Fernreise.
Vielleicht, weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht nur körperlich dort war.
Wir lernen in jedem Moment, wenn wir es zulassen.
